Archäologische

RuhrZeiten

Stadtarchäologischer Beitrag zur Kulturhauptstadt 2010 -
Visualisierungen der Kulturlandschaft in Dortmund, Duisburg und Essen

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Das hohe Mittelalter in Duisburg –
Die Stadt des ausgehenden 12. Jahrhundert

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Stadtmauer

Die städtebaulichen Veränderungen und Verkehrsplanungen der Nachkriegszeit haben das Gesicht der Duisburger Altstadt nachhaltig verändert. Umso erstaunlicher ist es, an wie vielen Plätzen sich noch Überreste der mittelalterlichen Stadtstrukturen finden und im Straßenbild der heutigen Stadt ablesen lassen. Gerade aus dem hohen Mittelalter sind zahlreiche Denkmäler erhalten geblieben.

StadtmauerVon der hoch- bis spätmittelalterlichen Stadtmauer sind eindrucksvolle Reste am Innenhafen, am Springwall, am Kuhlenwall, an der Untermauerstraße und an der Unterstraße zu finden. Sie gehören zu den bedeutendsten Ihrer Art im gesamten deutschsprachigen Raum.

Auch unter dem Pflaster und in den modern überbauten Parzellen sind im Boden viele Denkmäler dieser Zeit bewahrt geblieben. Bei großflächigen Ausgrabungen der zurückliegenden Jahrzehnte sind viele der romanischen Häuser, Gruben, Brunnen und Wegebefestigungen wiederentdeckt und freigelegt worden. Sie sind eindrucksvoller Beleg für die herausragende wirtschaftliche Stellung der Reichs- und Pfalzstadt Duisburg im hohen Mittelalter. Wertvoller Hausrat, Abfälle und Produkte vielfältiger handwerklicher und gewerblicher Produktion sowie begehrte Handelsobjekte aus verschiedenen Regionen Mittel- und Nordeuropas illustrieren den Lebensalltag in einer wichtigen Hafen- und Handelsstadt des Reiches.

Kinderschuh Bleigewicht Möbelteile
Kinderschuh Bleigewicht (Kölner Pfund) Gedrechselte Holzstäbe von hochwertigen Sitzmöbeln des 12./13. Jahrhunderts

Ausschnitt PfalzbereichDie Pfalzstadt Duisburg hatte bereits im 10. Jahrhundert, begünstigt durch das besondere Interesse der ottonischen Könige an der Markt- und Handelsstadt, eine erste große Blütezeit erlebt. Die Stauferkönige, allen voran Friedrich Barbarossa, knüpfen wieder an die große Reichsidee des frühen Mittelalters an und fördern bewusst die wichtigen Handelsstädte und Pfalzen an Rhein und Ruhr. In zahlreichen Privilegierungen für Duisburg kommt dies deutlich zum Ausdruck. Konrad III. (1138-1152) gewährt den Bürgern das Recht, im Bereich der Befestigungsanlagen der inneren Pfalz ihre Häuser zu errichten. Im Gegenzug sichern sie bei Königsbesuchen das Öffnungs- und Gastungsrecht zu. Diese Parzellenstruktur ist deutlich am heutigen Stadtbild abzulesen und in der Rekonstruktion des Modells zu sehen. Einige neue herrschaftliche Bauten entstehen parallel dazu im Inneren der Königspfalz.

Ausschnitt LagerhäuserWirtschaftlich bedeutend für den erneuten Aufschwung der Stadt war vor allem die Privilegierung von 1173. Darin lässt Kaiser Friedrich Barbarossa zwei Jahrmärkte für flandrische Kaufleute in Duisburg einrichten. Der Stapel und Handel mit den begehrten flandrischen Tuche fand wahrscheinlich in den neu am Hafen errichteten Lagerhäusern statt. Auf dem Alten Markt und in dessen Umfeld entstehen in dieser Zeit parallel dazu feste Marktstrukturen. Hier werden wahrscheinlich vorrangig die Produkte des täglichen Bedarfs umgeschlagen, während im Hafen und im dortigen Hafenmarkt Fernhandelsgut seinen Besitzer wechselt.

An den wichtigen Straßen reihen sich die großen Parzellen der Kaufleute und reichen Bürger mit ihren repräsentativen Steinbauten auf. Aus der Eifel eingehandelter Tuff vulkanischen Ursprungs findet als wertvolles Baumaterial nun vorrangig Verwendung.

Ausschnitt Beekstrasse Auschnitt Kessels- und Grafenhof

Auch Adels- und Dienstmannensitze mit eigener Umwehrung etablieren sich in der Stadt. Im Auftrag des Königs übernehmen sie vielfältige Aufgaben in der Pfalz- und Reichstadt.

Ausschnitt Johanniter-KommendeDie herausragende logistische Bedeutung der Stadt im 12. Jahrhundert zeigt sich in ganz besonderer Weise in der Gründung der Johanniter-Kommende vor den Toren der Stadt. Die ehemaligen Kreuzritter richten hier ihren ersten Stützpunkt nördlich der Alpen zur Versorgung von Reisenden und Pilgern ein.

Die Visualisierung zur Stadt des 12. Jahrhunderts greift die bekannten Ergebnisse archäologischer Grabungen und historischer Recherche in der Stadt auf und fügt sie zu einem Gesamtbild der hochmittelalterlichen Stadt Duisburg zusammen. Gerade bei der Rekonstruktion der Hausfassaden und Bebauungsstrukturen der Parzellen kann sich die Visualisierung aber nicht immer auf verlässliche Daten stützen. Hierzu wurden besser erhaltene Vergleichsbefunde als Grundlage herangezogen.

Wenngleich manche Unsicherheiten, offene Fragen und Unwägbarkeiten bestehen bleiben, so bietet der Rekonstruktionsversuch doch eine hervorragende Basis, eine konkrete Vorstellung der Stadt im Hochmittelalter zu vermitteln. Die Struktur des Stadtgrundrisses hebt sich mit seinen großzügig bemessenen Parzellen, adeligen Sitzen und alten Siedlungskernen deutlich von der Stadt der Renaissance ab, wie sie das Modell der Stadt um 1566 zeigt.

Realisation:
Dr. Volker Herrmann (Rekonstruktion, Text & Fotos)
Dr. Kai Thomas Platz (Rekonstruktion)

Dipl.-Ing. Thomas Jedrzejas (3D-Modell)

Leitung:
Prof. Dr.-Ing. Heinz-Jürgen Przybilla
Hochschule Bochum, Fachbereich Vermessung und Geoinformatik
Labor für Photogrammetrie, Tel. +49 234 32 10517