Archäologische

RuhrZeiten

Stadtarchäologischer Beitrag zur Kulturhauptstadt 2010 -
Visualisierungen der Kulturlandschaft in Dortmund, Duisburg und Essen

Projekte

Herrschaftlicher Burgen-, Wehr- und Repräsentationsbau in Duisburg

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Im Rahmen der unter Google Earth präsentierten Visualisierung werden 31 Befestigungsanlagen, Burgen und herrschaftliche Ansitze im heutigen Stadtgebiet von Duisburg vorgestellt. Die Anlagen stammen aus römischer Zeit sowie aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit.

Die äußerst verkehrsgünstige Lage des Stadtgebietes von Duisburg führte frühzeitig dazu, dass sich der Raum zu einem Standort des Handels und Warenumschlags entwickelte. Bedeutende Verkehrswege wie der nach Osten führende Hellweg sowie die Flussläufe des Rheins und der Ruhr durchquerten das Stadtgebiet und führten hier Menschen und Waren aus vielen Teilen Europas zusammen. Von vor- und frühgeschichtlicher Zeit an muss der Raum auch von herrschaftsgeschichtlicher Bedeutung gewesen sein, verhießen der Warenumschlag nördlich der Mittelgebirgsschwelle und die Kontrolle über die Verkehrswege lukrative Gewinne und Einnahmen. Strategisch bedeutende Geländepunkte wie der Kaiserberg müssen bereits in der Bronze- und nachfolgenden Eisenzeit befestigt gewesen sein.

Römischer Wehrbau
In römischer Zeit (von ca. 0 – Ende 4. Jahrhundert) verlief die durch den Rhein markierte Limesgrenze des römischen Imperiums mitten durch das heutige Stadtgebiet. Linksrheinische Wehranlagen, Kastelle, Wachtürme und Burgi (spätantike Kleinkastelle) sicherten den Grenzverlauf. Einige davon sind noch heute bekannt und teilweise als Geländedenkmäler erhalten. Vorgestellt werden die Kastelle und Militäranlagen von Asciburgium und Werthausen sowie auf dem Dachsberg. Rechts des Rheins mögen ebenfalls Stützpunkte der Römer bestanden haben, die das Vorfeld des Limes und die dortige Ruhrmündung sicherten, beispielsweise im Bereich des heutigen Burgplatzes der Altstadt und auf dem Kaiserberg oberhalb der Ruhraue in Duissern. Zur Grenzsicherung wurden neben römischen Legionären vorrangig germanische Verbündete eingesetzt.

spätantiker Burgus Pfalz
Rekonstruktion von spätantikem Burgus Pfalz des 10. Jahrhunderts in der Visualisierung

Königs-, Ober- und Schultenhöfe in fränkischer Zeit
Nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches übernahmen im 5. Jahrhundert die Franken die Herrschaft am Niederrhein. Neben neuen Siedlungen entstanden herrschaftliche Zentren des Landesausbaus und der Verwaltung. In Friemersheim und im Bereich der Duisburger Altstadt richteten die fränkischen Könige sog. Königshöfe ein. Sie dienten dem Aufbau einer durchgängigen Verwaltung, der Ausübung der Gerichtsbarkeit, der Einhebung von Abgaben sowie als Etappenstationen entlang der Königswege. Duisburg wird im 10. Jahrhundert zur Kaiserpfalz ausgebaut, in der die fränkisch-deutschen Könige und Kaiser auf ihren Reisen durchs Reichsgebiet residierten.
Im Zuge des fränkischen Landesausbaus entstehen bis zum 7./8. Jahrhundert mit den Ober- und Unterhöfen, den späteren Schultenhöfen, im Stadtgebiet zahlreiche weitere herrschaftliche Zentren. Königstreue adelige Dienstleute bzw. wiederum von diesen abhängige Schulten (Gerichtsherren) organisierten von diesen Punkten aus die Landesverwaltung und den Ausbau des Kirchenwesens, zogen Steuern und Abgaben ein und übten die hohe Gerichtsbarkeit in den zugeordneten Räumen aus.
Diese Plätze waren zunächst unbefestigt oder lediglich mit einem Wall und Graben gesichert. Im hohen und späten Mittelalter, ab dem 11./12. Jahrhundert, wurden sie zu Mauer umwehrten Adelssitzen mit Steinhäusern ausgebaut. Seit der beginnenden Neuzeit, im 16./17. Jahrhundert, entwickeln sich viele davon zu herrschaftlichen Gutshöfen.
Obertägig sichtbar ist keine dieser Anlagen mehr in Duisburg erhalten. Auf Kartenbildern des 17./18. Jahrhunderts sind einige von ihnen jedoch noch als Graben umwehrte Burgsitze dargestellt. Bedeutende Oberhöfe bestanden beispielsweise in Beeck und in Lakum. Schultenhöfe waren u. a. in Bruckhausen und Marxloh eingerichtet.

Schultenhof Bruckhausen Pfalz
Flurkarte mit Schultenhof Bruckhausen Steinhof heute

Burgenbau im hohen und späten Mittelalter
Seit dem hohen Mittelalter, also ab dem 11./12. Jahrhundert, nahm wie auch andernorts zu beobachten, im Stadtgebiet die Burgendichte erheblich zu. Der König verlor in dieser Zeit stark an Einfluss im Niederrheingebiet. Die Bindung ehemaliger Reichsgüter an die königliche Zentralgewalt wurde schwächer, sodass lokale Herrschaften, Klöster und ehemalige Dienstmannen sowie auch der Kölner Erzbischof an Einfluss in der Region gewannen. Sie trieben den Burgenbau voran und errichteten neue Wehrbauten und Herrschaftssitze. Einige dieser Burgen waren als Turmhügel, sog. Motten, angelegt. Aber auch mit Grabenwerken (Gräften) befestigte, seltener unbefestigte Steinhäuser (feste Häuser) und –türme (Wohntürme) sind zu finden. Beispiele hierfür sind links des Rheins mit Haus Baerl und dem Borgschen Hof ebenso zu finden, wie auf der östlichen Rheinseite mit Haus Hagen, Haus Remberg, Haus Böckum oder dem Steinhof.
Die klassische Ritterburg des Mittelalters mit Ringmauern und mächtigem Bergfried wird man im Duisburger Stadtgebiet vermissen. Solche Anlagen hat es hier nie gegeben. In der gesamten niederdeutschen Burgenlandschaft, wozu der Duisburger Raum gehört, waren weniger imposante Anlagen aus Holz und Erde mit schlichten Holz- oder Steinhäusern verbreitet. Wohl deshalb hat sich die Burgenforschung verhältnismäßig spätdiesem Raum zugewandt. Im Duisburger Stadtgebiet steckt die Erforschung dieser Denkmalgattung gar noch vollends in den Kinderschuhen.

Herrschaftliche Gutshöfe der frühen Neuzeit
Im 16./17. Jahrhundert haben die Burgen ihre angestammte Funktion als Wehrbauten und Verwaltungsmittelpunkte verloren. Sie entwickeln sich meist zu herrschaftlichen Gutshöfen lokaler Geschlechter. Wenige Anlagen wie Haus Böckum und Haus Kaldenhausen werden damals schlossartig um- und ausgebaut. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein waren die meisten dieser herrschaftlichen Anlagen zumindest in Resten erhalten geblieben. Erst die Neustrukturierung des Stadtgebietes nach dem Zweiten Weltkrieg hat zum vollständigen oder weitgehenden Verlust der meisten dieser Denkmäler geführt. Inzwischen ist auch das Wissen um diese Anlagen und die jeweils damit verbundene lokale Herrschaftsgeschichte in der Ortsbevölkerung weitgehend verloren gegangen. Umso wichtiger erscheint es heute, mit Projekten wie dieser unter Google Earth präsentierten Visualisierung, das historische Bewusstsein in der Region an dieser Thematik wach zu halten und wieder zu stärken.

Haus Böckum
Haus Böckum mit schlossartiger Bebauung

Realisation:
Elke Schneider MA (Text & Fotos)
Bianca Khil (Text & Fotos)
Dr. Volker Herrmann (Text & Fotos)
Dipl.-Ing. Thomas Jedrzejas (3D-Modell)

Leitung:
Prof. Dr.-Ing. Heinz-Jürgen Przybilla
Hochschule Bochum, Fachbereich Vermessung und Geoinformatik
Labor für Photogrammetrie, Tel. +49 234 32 10517