Archäologische

RuhrZeiten

Stadtarchäologischer Beitrag zur Kulturhauptstadt 2010 -
Visualisierungen der Kulturlandschaft in Dortmund, Duisburg und Essen

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Die Essener Burgenlandschaft

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Essen ist reich an Burgen und Herrenhäusern, die sich über das gesamte Stadtgebiet verteilt aufspüren lassen, auch wenn im Norden viele Anlagen der Industrialisierung weichen mußten. An sie erinnern heute oft nur noch die nach ihnen benannten Straßen, wie z. B. die Haus-Horl-Straße in Vogelheim oder die Haus-Berge-Straße in Bochold. Aber welcher Essener Bürger macht sich schon klar, daß hinter diesen Namen wüstgefallene Burgen oder Häuser mit meist Jahrhunderte langer Tradition und Geschichte stehen? Sicherlich kennen auch nur Wenige eine zweite Gruppe von Burganlagen. Bei diesen handelt es sich um Bodendenkmäler, die im Gelände noch gut zu erkennen sind - wenn man nur genau hinschaut. Mit wachem Blick kann man so z. B. in Rüttenscheid die Sommerburg entdecken, in Bredeney die Motte Vittinghoff oder aber in Steele-Horst die imposanten Reste der Vryburg. Burgen einer dritten Gruppe sind aber sicher den meisten Essenern bekannt, nämlich die steinernen Ruinen, die auch heute noch sofort ins Auge fallen, eben "Burgen" im landläufigen Sinne. Oft sind diese Anlagen restauriert, teilweise rekonstruiert und werden heute liebevoll von Heimatvereinen gepflegt, so daß sie nun beliebte Ausflugsziele sind, wie z. B. die Isenburg in Bredeney oder die Burg in Burgaltendorf.

Burg AltendorfBei den ältesten Anlagen handelt es sich um Wallburgen. Sie finden sich oft auf Höhen gelegen, wobei die Lage bereits einen guten natürlichen Schutz gegen Angreifer bot. Zusätzlichen Schutz erreichte man durch das Anlegen von Mauern mit vorgelagertem Graben. Solche Mauern konnten ganz unterschiedlich konstruiert sein - uns haben sich ihre Überreste heute leider nur noch in Form von Wällen erhalten. Gute Beispiele sind die Vryburg in Steele-Horst sowie die älteste bekannte Burganlage auf Essener Gebiet: die Alteburg auf dem Pastoratsberg in Heidhausen, die ins 8./9. Jahrhundert datiert wird. Einige Scherbenfunde weisen sogar auf eine Nutzung dieses Platzes in vorgeschichtlicher Zeit hin! Anlagen wie die Alteburg dienten den Menschen in Zeiten der Unruhe als Fliehburg. In die gleiche Kategorie gehört auch die benachbarte kleinere und etwas jüngere Herrenburg, die heute eine Jugendherberge umschließt.

Etwas jünger sind die Kleinburgen des 10. bis 13. Jahrhunderts, sog. "Motten". Der Begriff "Motte", eigentlich vollständig "Château á Motte", kommt wohl aus dem Französischen und bedeutet soviel wie "Erdscholle" oder "Erdhaufen". Oft gebraucht man statt "Motte" auch die Begriffe "Turmhügel" oder "Hausberge". Alle diese Namen deuten schon die äußere Form der Anlagen an: sie bestehen immer aus einem meist stark überhöhten künstlichen Hügel mit einem Holz- oder Steinturm darauf, der uns heute aber meist nicht mehr erhalten ist. Oft findet sich neben dieser "Hauptburg" noch eine "Vorburg" mit Wirtschafts- und Nebengebäuden. Solche zweiteiligen Anlagen waren durch Holzbrücken miteinander verbunden und insgesamt von einem Wassergraben oder von Bächen umgeben. Diese Aufteilung in Hauptburg, Vorburg und Graben läßt sich sehr gut an den Essener Anlagen nachvollziehen, so z. B. an der Motte Sommerburg in Rüttenscheid oder der Motte Vittinghoff in Bredeney. Auch bei dem Kettwiger Kattenturm haben wir eine Motte vor uns, dort ist sogar noch ein Großteil des alten Steinturmes erhalten!

Haus SteinNeben diesen kleinen Turmhügeln bestanden aber gleichzeitig auch Großanlagen, nämlich "feste Häuser" oder Burgen. Bei ihnen handelt es sich um befestigte Herrensitze, die unter Ausnutzung natürlicher Geländevorteile auf Höhen oder in Wassernähe angelegt wurden. Sie dienten als Wehr- und Wohnbauten und repräsentierten nebenbei auch noch die soziale Stellung und Macht ihres Besitzers. Im Wesentlichen besteht eine solche Anlage aus Wohnbauten und Wirtschaftsräumen sowie der schützenden Mauer, bzw. dem umlaufenden Wassergraben. Zu diesen Grundelementen können noch ein Turm - der sog. Bergfried - weitere Türme und Befestigungselemente treten. Ein recht lebendiges Bild einer solchen „richtigen“ Burg geben z. B. noch die Isenburg in Bredeney oder die Burg in Burgaltendorf, die übrigens aus einer Motte entstanden war. Allgemein baute man Anlagen dieser Art vom 11. bis zum 14. Jahrhundert, die Essener Beispiele sind jedoch nicht ganz so alt: sie datieren ab dem 12./13. Jahrhundert. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts verloren die Burgen ihre Bedeutung durch eine neue Art der Kriegsführung: von nun an ging man mit Kanonenkugeln gegen die dicken Mauern vor. Daher entwickelten sich in der folgenden Zeit viele solcher Großburgen, ähnlich wie auch ihre kleineren Verwandten die Motten, zu imposanten Schlössern, so z. B. auch Schloß Borbeck.
So unterschiedlich alle diese Anlagen auch sind, haben sie doch schon immer das Interesse und die Neugierde der Bevölkerung geweckt und die Phantasie beflügelt. Nicht umsonst ranken sich um viele Burgen Sagen und Geschichten aus alter Zeit ...

Abbildungen: Stadtarchäologie Essen

Realisation:
Elke Schneider MA (Text & Fotos)
Bianca Khil (Text & Fotos)
Dipl.-Ing. Marek Koppel (3D-Modell)

Leitung:
Prof. Dr.-Ing. Heinz-Jürgen Przybilla
Hochschule Bochum, Fachbereich Vermessung und Geoinformatik
Labor für Photogrammetrie, Tel. +49 234 32 10517

Dr. Detlef Hopp
Stadt Essen – Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege/Stadtarchäologie
Tel. +49 201 8861806