Archäologische

RuhrZeiten

Stadtarchäologischer Beitrag zur Kulturhauptstadt 2010 -
Visualisierungen der Kulturlandschaft in Dortmund, Duisburg und Essen

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Mittelalterliche Motte (Rekonstruktion in Herne)

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Mittelalterliche Motte in Herne

Im hohen Mittelalter hatte sich der Burgtyp der Motte von Frankreich aus über Nordwest-und Mitteleuropa verbreitet. Vor allem im Flachland bot der durch Wassergraben und Palisade geschützte Turmhügel Schutz und war zugleich repräsentativer Adelssitz. Auch im Ruhrgebiet, das mit über 400 nachgewiesenen Adelssitzen zu den burgenreichsten Regionen Deutschlands zählt, waren Mottenbauten verbreitet. Vor allem am Niederrhein und entlang der Emscher waren die hölzernen Wehranlagen zahlreich anzutreffen.

Über Aussehen dieses Burgtyps geben bildliche Darstellungen wie z. B. der Sachsenspiegel, ein spätmittelalterliches Rechtsbuch Auskunft. Es zeigt den Bau eines solchen Mottenhügels. Deutlich sind die Erdschollen zu sehen, die mit eisenverstärkten Holzspaten aufgeworfen werden. Die Bezeichnung „Motte“ leitet sich von der französichen „chateau à motte“ ab, was so viel heißt wie „Burg aus Erdsoden“.

St. Ludgerus Basilika St. Ludgerus Basilika
Teppich von Bayeaux Bau eines Mottenhügels, Oldenburger Sachsenspiegel (1336)

Auf dem berühmten Teppich von Bayeux, angefertigt anlässlich der erfolgreichen Heerfahrt Wilhelms des Eroberers nach England 1066, sieht man in zwei Szenen Bau und Belagerung einer solchen Turmhügelburg: Gut ist der steil aufragende Hügel zu erkennen, auf dem sich ein hölzerner Turmbau mitsamt Palisade befindet. Der Zugang erfolgt über eine Rampe, die zusätzlich durch Tordurchgänge gesichert ist. Der Kampf ist bereits in vollem Gange: Die Verteidiger sind hinter der Palisade in Stellung gegangen, während die mit Lanze und Schild gerüsteten Angreifer den Hügel stürmen. Im Vordergrund wird versucht, die hölzerne Burganlage in Brandzusetzen.

St. Ludgerus Basilika St. Ludgerus Basilika
Motte Gesamtansicht (Nord) Motte Gesamtansicht (Süd)

Motten bestanden üblicherweise aus zwei Teilen: Der eigentliche Mottenhügel lag auf der Hauptburginsel, die von einer Palisade umschlossen war. Neben dem breiten Wassergraben stellte die steil ansteigende Hügelflanke ein wirkungsvolles Annäherungshindernis dar. Der Zugang erfolgte über eine hölzerne Brücke und konnte durch einen Torturm zusätzlich gesichert werden. Auf diesem Mottenhügel befand sich der Wohnsitz des Burgherren und seiner Familie: ein Wohn- und Wehrturm aus Holz oder Stein. Der Turm war oft dreigeschossig, gekrönt von einer Wehrplattform. Weitere Nebengebäude konnten die Bebauung der Hauptburg ergänzen. Diese Hauptburginsel konnte im Falle eines Angriffs als letzte Zuflucht dienen. Die Versorgung mit Wasser wurde über Brunnen gesichert, die auch durch den Mottenhügel eingetieft sein konnten.

Die dazugehörige Vorburg auf einer eigenen Insel war ebenfalls mit Palisade und Wassergraben geschützt. Um einen offenen Platz herum waren die Wirtschaftsgebäude wie z.B. Speicher und Lagerräume für Heu, Getreide und sonstige Lebensmittel sowie die Ställe angeordnet.

St. Ludgerus Basilika St. Ludgerus Basilika
Dachkonstruktion der Motte Blick in die Motte ohne Dach

Die Rekonstruktion

Am 09. Januar 2010 rückten unter großem öffentlichen Interesse Bagger an, um im Rahmen der Ausstellung „Aufruhr 1225! Ritter, Burgen und Intrigen“ auf dem Gelände des LWL-Museums für Archäologie in Herne eine Motte nach historischem Vorbild zu errichten. Die besondere Herausforderung eines originalgetreuen Motten-Nachbaus liegt vor allem darin begründet, dass keine einzige dieser Burgen die Zeiten unbeschadet überdauert hat. Um Hinweise auf den Aufbau eines hölzernen Wehr-und Wohnturms des 13. Jahrhunderts zu erlangen, wurden daher architektonische Vorlagen aus ganz Deutschland zu Rate gezogen. Die Herner Motte ist somit das Ergebnis eines wissenschaftlichen Puzzles. Die Beispiele belegen: Die Motte hätte in dieser Form errichtet worden sein können.


St. Ludgerus Basilika St. Ludgerus Basilika
Blick in den Innenraum Blick auf den Abort

Realisation:
Bianca Khil & Elke Schneider (Text)
Benjamin Hennecke & Magdalena Dannenberg (3D-Modell)

Leitung:
Prof. Dr.-Ing. Heinz-Jürgen Przybilla
Hochschule Bochum, Fachbereich Vermessung und Geoinformatik
Labor für Photogrammetrie, Tel. +49 234 32 10517