Archäologische

RuhrZeiten

Stadtarchäologischer Beitrag zur Kulturhauptstadt 2010 -
Visualisierungen der Kulturlandschaft in Dortmund, Duisburg und Essen

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Die Walkmühle – Wiege der Firma Krupp in Essen-Vogelheim

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Die Firma Friedrich Krupp "Gußstahlfabrik zur Verfertigung des englischen Gußstahls und aller daraus resultierenden Fabrikate"

Am 20. November des Jahres 1811, somit vor 200 Jahren, schloss der Kaufmann Friedrich Krupp (1787–1826), zusammen mit Teilhabern, den Gebrüdern Georg Karl Gottfried und Wilhelm Georg Ludwig von Kechel, von denen er hoffte, dass sie Kenntnisse in der Gussstahlbereitung besäßen, einen Gesellschaftsvertrag zur Errichtung einer Gussstahlfabrik. Diese Kruppsche Gussstahlfabrik sollte schon unter seinem Sohn Alfred (1812-1887) zum bedeutendsten Industrieunternehmen Europas werden.

WalkmuehleZum Standort der Fabrik wollte Krupp die im heutigen Stadtteil Vogelheim gelegene, damals noch auf Altenessener Gebiet befindliche kleine Mühle an der Berne, die Walk- oder Halbachsmühle, umbauen. Diese Mühle, in der gewebte Stoffe veredelt wurden, wird bereits 1446 als Walkmühle der Wollenweberzunft urkundlich genannt. Die Familie Krupp gelangte 1797 in den Besitz des Anwesens, indem Helene Amalie Krupp, die Großmutter Friedrich Krupps, es erwarb. Als diese 1810 verstarb, ging die Mühle an Friedrich Krupp und seine Schwester Helene. Die Walkmühle kann heute als Keimzelle der Friedrich Krupp Gussstahlfabrik gelten. Sie blieb allerdings nur bis 1839 in Krupp´schem Besitz.

Die Anfänge der Schwerindustrie in Essen

1812 begannen die Bauarbeiten auf dem Gelände der alten Walkmühle. Es entstanden ein Hammerwerk und ein Schmelzbau. Die Berne betrieb zwar dort seit langer Zeit die Walkmühle und später die Bohrmühle, für die neue Fabrik wurden aber zwei neue Stauteiche angelegt. Dennoch führte dieser Wasserlauf viel zu wenig Wasser, um das Hammerwerk kontinuierlich anzutreiben. Bereits am 9. April 1813 schloss Friedrich Krupp mit den Brüdern von Kechel einen neuen Vertrag, der ihn zum alleinigen Besitzer der Stahlfabrik machte.

An der Walkmühle entsteht die Fabrik „Friedrich Krupp in Essen“

An der Walkmühle entstand ein zweistöckiges Fabrikgebäude, das neben dem Schmelzraum eine Tiegelkammer besaß und zusätzlich über einen Materialraum sowie über ein Magazin verfügte. Im Schmelzraum standen ein Zementierofen und ein Tiegelofen. Friedrich Krupps Absicht war es, hier englischen Gussstahl zu erzeugen. Dies hatte eine besondere Ursache: Napoleon hatte am 21. November 1806 die so genannte Kontinentalsperre verhängt, die bis 1814 in Kraft blieb. Ziel war es, England wirtschaftlich zu isolieren, und tatsächlich gelangte der begehrte englische Gussstahl so nicht mehr auf den europäischen Markt. Befremdlich wirkt auf den ersten Blick das Hammergebäude, denn es stand zwischen zwei Mühlengerinnen. In dem massiven, aus Steinen errichteten Untergeschoss des Gebäudes waren der Reckhammer - ein mit Wasserkraft betriebenes Hammerwerk, mit dem die so genannten Luppen aus Roheisen oder Rohstahl von Schlacke befreit wurden-, ein so genanntes Pochwerk, in dem das Tiegelmaterial zerkleinert wurde und ein Ambossherd untergebracht. Der Hammer wurde durch ein oberschlächtiges Wasserrad – das Wasser lief von oben auf das Rad – angetrieben. Sowohl im Fabrik- als auch im Hammergebäude befanden sich in den jeweiligen Obergeschossen Wohnungen. Nachdem die Arbeiten in der Weberstraße eingestellt und die Umbauarbeiten „An der Walkmühle“ abgeschlossen waren, nahm man gegen Ende des Jahres 1812 in der neuen Fabrik den Betrieb auf. Die Arbeitsbedingungen waren hier schwierig. So wurde beispielsweise die benötigte Kohle vom Flöz Röttgersbank der Zeche Sälzer-Neuack bezogen. Erst danach wurde sie an der Walkmühle verkokt. Somit musste die Kohle über einen sehr weiten und zudem ungünstigen Weg von der Zeche in der heutigen Innenstadt mit Pferdekarren herangebracht werden. Dieser Weg, eine „Nebenstrecke“, wenn man so will, war natürlich nicht besonders ausgebaut und musste für die Transporte deshalb vielfach erneuert werden. Eindrücklich wird in der Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Firma Krupp und der Gussstahlfabrik zu Essen Ruhr (Essen 1912) dieser Umstand beschrieben: „Während der nassen Jahreszeit mussten ganze Fuhren Wachholderbüsche in den Morast des „Eselswegs“ und der „Hammerstraße“ versenkt werden.“

In der Fabrik wurde der Stahl zuerst in kleineren Öfen - so genannten Windöfen – geschmolzen. Darin standen die kleinen, nur etwa 20 bis 25 cm hohen Tiegel, um die herum sich der Koks als Brennstoff befand. Ende 1813 wurde die Produktion von Zementstahl (auch: zementierter Stahl = aufgekohlter Stahl) aufgenommen, dabei übernahmen die Gebrüder Kechel das Schmelzen des Gussstahls, und bei Bedarf wurden zwei Arbeiter, die bei den Bauarbeiten beschäftigt waren, zusätzlich in der Fabrik eingesetzt. Da die Gebrüder Kechel, anders als von Friedrich Krupp erhofft, viel zu wenig von der Stahlherstellung verstanden, trennte er sich von ihnen. Bereits 1814 konnte die Fabrik den ersten Gussstahl verkaufen, dennoch war Krupp wenig erfolgreich und blieb so weiterhin auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Im Herbst 1816 verkaufte er Stahl an verschiedene Maschinenfabriken und seit 1816 versuchte sich Krupp in der Herstellung von fertigen Erzeugnissen aus „englischem“ Gussstahl. Zunächst war es Draht, dann geschmiedete Werkzeuge und Münzstempel sowie Münzwalzen. 1818 arbeiteten zehn Arbeiter in seiner Fabrik. Krupp ließ in der Walkmühle einen größeren Hammer von 329 Pfund anlegen, um auch größere Erzeugnisse bearbeiten zu können, aber auch hier hatte er wenig Glück: Denn wegen des schlechten Wasserstandes der Berne konnte der Hammer nur unzureichend betrieben werden.

So blieb es nicht aus, dass aufgrund der ungünstigen Bedingungen „An der Walkmühle“ der Gedanke entstand, die Fabrik auf das Grundstück von Friedrich Krupps Mutter, an die spätere Altendorfer Straße, zu verlegen. Bereits 1818 wurde hier ein kleines Wohnhaus für den Aufseher errichtet, das später einmal das so genannte Stammhaus werden sollte, der Schmelzbau selbst war im Herbst 1819 fertig gestellt. Von den geplanten 60 Schmelzöfen waren zunächst acht in Betrieb. Aber immer noch waren die Arbeitsbedingungen schwierig: Denn diese neue Situation bedeutete für die Walkmühle, dass nun zwar nicht mehr die Kohlen, dafür aber die am Schmelzbau (an der Altendorfer Str.) erzeugten Güsse zu ihr gebracht werden mussten, da sich hier immer noch das Hammerwerk befand. Da der Hammer an der Walkmühle durch die Berne aber nicht verlässlich betreiben werden konnte, dieser bald auch für die immer größer werdenden Gussstücke nicht mehr ausreichte und zuletzt Friedrich Krupp nicht auf „fremde Hämmer“ ausweichen wollte, war letztlich der Bau eines eigenen Hammerwerkes an der Altendorfer Straße unumgänglich. Bis zur Fertigstellung eines solchen Werkes sollten aber noch Jahre vergehen.

1820 wurden Sägen, Klingen und verschiedene Schneidewerkzeuge hergestellt. Schließlich gelang es Friedrich Krupp 1823, hochwertigen Tiegelstahl zu produzieren. Allerdings war er durch den Bau der neuen Fabrik so sehr verschuldet, dass seine Familie in das kleine Aufseherhaus zog. 1826 starb Friedrich Krupp im Alter von nur 39 Jahren. Friedrichs Sohn Alfred Krupp (ursprünglich eigentlich Alfried Krupp), unter dem das Werk später zu Weltruhm gelangen sollte, übernahm im Alter von nur 14 Jahren die Leitung der kleinen Fabrik, die zu diesem Zeitpunkt sieben Arbeiter beschäftigte. Im Winter 1829 errichtete er auf der Walkmühle eine Drehbank und eine Schleifmaschine, die er später verbesserte, und konnte so erstmals 1830 qualitätvolle Stahlwalzen ausliefern. Mit der Errichtung des seit längerer Zeit geplanten Hammerwerks mit Dampfmaschine zum Betrieb dreier schnellgehender Schwanzhämmern und einem Aufwerfhammer im Jahr 1834 endete die unglückliche Zweiteilung der Friedrich-Krupp-Gussstahlfabrik: Durch das neue Hammerwerk an der Altendorfer Straße wurde das Werk an der Walkmühle überflüssig. Schon 1836 wurde der Schmiedebetrieb eingestellt und die Fabrik 1839 verkauft, nachdem sie schon vorher mehrfach verpachtet worden war. Den Reckhammer übernahm später ein Hammerschmied aus Hagen.1908 ging das Grundstück an die Zeche Anna über. Um 1910 wurde die Berne kanalisiert und das Gelände völlig umgestaltet. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts überdeckte man das Areal bei der Anlage von Werkshallen und der am Standort des Hammerwerks am 24.10.1926 gesetzte Gedenkstein, der an die Anfänge Krupps „An der Walkmühle“ erinnern soll, wurde damals an seinen heutigen Standort versetzt. Heute erinnern er und auch noch die Straßennamen „An der Walkmühle“ und „Walkmühlenstraße“ an den Beginn der Stahlerzeugung an diesem Ort durch Friedrich Krupp vor genau 200 Jahren.

Archäologie

Historische KarteExistierten sogar noch in den 1960er Jahren auf dem Gelände „An der Walkmühle“ mehrere kleinere Gebäude - zu dieser Zeit standen die älteren Fabrikgebäude aber zu schon lange nicht mehr - so sind durch die Veränderungen des Geländes und die immensen Baumaßnahmen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts heute keinerlei sichtbaren Spuren einer Bebauung mehr erhalten geblieben. Einzig ein Gedenkstein, der 1926 aufgestellt, später aber umsetzt wurde, erinnert heute an den bedeutenden historischen Ort.

Die Quellen und ihre Umsetzung

Zur Rekonstruktion der äußeren Ansichten der Walkmühle wurden historische Ansichten, die im 19. und zum Teil erst im 20. Jahrhundert entstanden sind, herangezogen. Vor allem einige im Krupp Archiv erhaltene Darstellungen liefern hier gute Ansätze für eine Modellierung des äußeren Erscheinungsbildes der Anlage. Wesentlich schwieriger und spekulativer ist aber die hier ebenfalls gewagte Rekonstruktion eines Blickes in das Innere des Hammergebäudes.

Außenansichten

Über die Aussenansichten des Fabrik- und des Hammergebäudes, und der weiteren Gebäude, die in einer Karte mit den handschriftlichen Zusätzen „Scheune“ und „Wohnhaus“ bezeichnet werden, sowie der Teiche informieren Darstellungen des 19. und des 20.Jahrhunderts. Allerdings sind diese nicht nur idealisiert, sondern weichen zusätzlich noch in verschiedenen Details ab. Neben einigen Beschreibungen blieben auch noch Fotografien erhalten, die beispielsweise ein Modell der Anlage im damaligen Heimatmuseum, dem späteren Ruhrlandmuseum, zeigen und ebenfalls bei der Visualisierung des Äußeren herangezogen wurden. Die Modellierung der Außenansichten der Gebäude stützt sich im Wesentlichen auf die genannten Grundlagen. Da zusätzlich Planunterlagen, aus denen noch Maße bezogen werden konnten, im Historischen Archiv Krupp, im Stadtarchiv und beim Amt für Geoinformation, Vermessung und Kataster vorliegen, gingen auch diese Daten in die Rekonstruktionsvorschläge ein.


Historische Ansicht Walkmuehle - Blick nach Süden
Die Walkmühle 1821 (Quelle: Historisches Archiv Krupp) Die Walkmühle - Blick nach Süden

Innenansichten

Holzschnittdarstellung der HammerschmiedeSehr spärlich sind die Informationen über das Innere der verschiedenen Gebäude. Vom Wohnhaus und der Scheune waren keine weiter führenden Angaben zu finden. Möglicherweise ergeben hier aber – wie auch in den anderen Fällen - zukünftige Recherchen noch verwendbare Details. Auch vom Schmelzbau wissen wir beispielsweise kaum mehr, als dass in ihm 6 Schmelzöfen zur Verfügung standen. Das ist viel zu wenig für einen Visualisierungsvorschlag des Inneren. Ein Blick in dieses Gebäude wurde deshalb ebenfalls nicht versucht. Da in der o.g. Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Firma Krupp im Jahr 1912 ein Holzschnitt abgedruckt ist, der einen Ausschnitt aus der Hammerschmiede zeigt, ist für das Hammergebäude immerhin ein Ansatz für eine Rekonstruktion gegeben. Diese ganz sicher idealisierte Darstellung des Untergeschosses ist deshalb die wesentlichste Grundlage für den Visualisierungsversuch des Inneren des Hammergebäudes. Gleichzeitig lässt diese Darstellung in der Festschrift aber auch sehr viele Fragen offen. Um überhaupt zu einem Rekonstruktionsvorschlag des Inneren zu gelangen, flossen hier zusätzlich in die Rekonstruktion Erkenntnisse aus vergleichbaren Hammerwerken ein. Hierfür bieten sich in Essen besonders der Kupferhammer und der Deilbachhammer in Kupferdreh an. Letzterer ist ebenfalls unter www.RuhrZeiten.de zu betrachten. Auch im Hammergebäude bleibt ein Blick in die obere Etage verwehrt. In Verbindung mit der Anordnung der Wasserräder an beiden Längsseiten des Untergeschosses, wie es unter anderem die oben genannten Quellen aber beispielsweise auch eine Fotografie eines nicht mehr erhaltenen Modells im damaligen Essener Heimatmuseum zeigen, gelingt es aber, den Standort des Reckkammers innerhalb des Gebäudes mit einiger Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, da die Wasserräder an den beiden Längsseiten im vorderen Gebäudedrittel angebracht waren. Schon aber die Positionierung und das Aussehen des Pochwerkes, von dem u.a. in der o.g. Festschrift berichtet wird, bleiben völlig unklar. Vermutet werden kann, da auch das Pochwerk über ein Wasserrad angetrieben wurde, dass dieses ebenfalls an der nordwestlichen Schmalseite des Gebäudes gelegen haben könnte, vielleicht auf der rechten Gebäudeseite. Aber schon das ist reine Spekulation.

Hammergebäude Innenraum Blick auf das Hammerwerk
Hammergebäude Innenraum Blick auf das Hammerwerk
Ein Darstellungsversuch des Pochwerkes wurde daher nicht unternommen. Aufgrund des o.g. Holzschnittes dürfte sich die Esse auf der linken Gebäudeseite, wohl in Türnähe - diese befand sich in der südöstlichen Schmalseite des Gebäudes - befunden haben. Die überlieferten Außenansichten zeigen hier auch einen Kamin. Das Vorhandensein der offenen Feuerstelle mit Abzug und wohl auch eines Ambosses würde auch die Körperhaltung der auf der linken Bildseite des Holzschnittes dargestellten Person erklären, die anscheinend eine große Zange in den Händen hält. Am linken unteren Rand dieses Bildes sind möglicherweise weitere Zangen zu sehen. Da die Feuerstelle meist durch einen Blasebalg mit Sauerstoff versorgt wurde, ist auch dieser auf der gleichen Gebäudeseite zu vermuten. Allerdings sind aus der oben genannten Darstellung, ebenso wie aus den anderen bekannten Ansichten und Beschreibungen, keine sicheren Kenntnisse abzuleiten, wie die linke Gebäudeseite eingerichtet war. So gibt es keine Informationen über das Aussehen der Feuerstelle, es ist nur eine Vermutung, dass sich der Blasebalg neben der Feuerstelle befand und gänzlich unklar, wie er überhaupt angetrieben wurde. Da darüber und über andere Dinge – so eben auch das Pochwerk - nur spekuliert werden kann, wurde im Rahmen dieser Studien entweder auf eine detailliertere Darstellung oder ganz auf einen Rekonstruktionsversuch verzichtet.

Realisation:
Isabell Zillich (3D-Modell)
Isabell Zillich (Integration des 3D-Modells in Google Earth)
Dr. Detlef Hopp (Text)

Leitung:
Prof. Dr.-Ing. Heinz-Jürgen Przybilla
Hochschule Bochum, Fachbereich Vermessung und Geoinformatik
Labor für Photogrammetrie, Tel. +49 234 32 10517